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Österreich, 12. April 2010

Kunsthaus Graz

Ich war mir sicher: Diese Reise wird eine Erholung gegen die letzten zwei Wochen zu Hause sein. Eigentlich wollte ich schon immer Tischler werden, aber nach 6 Tagen Hochbettbau und Ikeamöbelschrauben ist der ursprüngliche Enthusiasmus deutlich abgeebbt und ich froh, beruflich eher Bits zu schieben als Kreuzholz zu hobeln.

Die morgendliche Taxifahrt zum Flughafen Tegel stellt mich sprachlich nochmals hart auf die Probe. Innerlich bereits auf Wiener Schmäh eingestellt, mussick nu doch noch üba dit Wetta re'n, und wat da mit dem Sterzinski oda wiederdaheeßt passiert is mit sei'm ollen Russenjumbo. Jemocht ham se'n ja alle nich, aba mussa nu tot sein? Und wusstense schon, dass ab heute die Blitza am Tunnel Britza Damm anjeschaltet sind...pure Jelddruckmaschine, ick saje Sie!

Ich versuche gerade, den singenden Ton wieder aus meinem Ohr zu bannen. Die nächsten zwei Wochen gilt das offizielle österreichische Wörterbuch. Vergeblich! Im Bus vom Flugzeug zum Gate schaut aus der Menge das wohlbekannte Gesicht eines alten Kumpels. "Wat, Du ooch in Wien - dit is ja'n Ding!" Abends finden wir uns bei gefühlten vier Litern Foster's in einem australischen Pub wieder und halten die "Jute Berlina Sprachkultur" weiter hoch. Aber immerhin treffe ich mit ihm einen Gleichgesinnten - er arbeitet seit ein paar Jahren in Wien, und bisweilen stellt auch ihn die Sprache noch vor Rätsel. Er erzählt die Geschichte eines Kaffeehausbesuches. Er winkt dem Ober: "Einen Kaffee bitte!" - und erhält die verblüffende Antwort: "Na, des hommernet!" Denn unser guter, alter, schwarzer Kaffee nennt sich hier schlicht: "Verlängerter". Also - obacht beim Kaffeehausbesuch, es heißt korrekt: "Oan Verlängerten bittäää!"

Ich finde, das Österreichische ist die viel gemütlichere und angenehmere Variante des Deutschen. Dinge werden im Laden nicht mit genauen Preisen bezeichnet. Das Kilo Bananen kostet "um 2,95 Euro", die Fahrt von Wien nach Krems bekommt man "um 12,95 Euro". Da wird zumindest sprachlich die Illusion aufrecht erhalten, derlei Dinge seien verhandelbar, nicht festgelegt durch ein undurchdringliches und unkaputtbares Regularium, dass unsichtbar und allbestimmend über uns herrscht.

Tausend verschiedene Blüten...

Und schon ist Wien Geschichte - ich sitze im Zug nach Krems, neben den Gleisen die Donau unter einem grauen Regenschleier. Das Wetter könnte wirklich besser sein - aber Vieles könnte das. Ich kann's nicht ändern und nehme das Prasseln der Tropfen auf meinem kahlen Schädel als belebende Dusche.

Dann, abends im Hotel, wie schon an so vielen Abenden in den letzten paar Monaten: Die plötzliche, lähmende Angst vor einem nahen Ende, ohne alles gesagt und getan zu haben. Ich weiß nicht, woher das kommt. Jede Nacht sitzt jemand - ganz unsichtbar für mich - am Fußende meines Betts und wartet auf den richtigen Moment, mich mitzunehmen. Vielleicht verliere ich über die Reiserei auch langsam den Verstand. Oder die Tage sind zu lang für die viel zu kurzen Nächte. Wer weiß schon, was im eigenen Hirn so vorgeht.

Der nächste Morgen bestätigt meine Befürchtungen: Das gesamte Frühstück muss ich durch die musikalische Hölle von Radio Niederösterreich und die gesammelten Hits von Smokie, Rod Steward und Suzie Quattro ertragen. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, mir meine Kopfhörer überzustülpen, denke dann jedoch an meine gesellschaftliche Verantwortung als einziger Hotelgast - und leide still weiter. Die Nachrichten verkünden politische und reale Erdbeben - das eine bei der Wahl des stellvertretenden Bürgermeisters in Kreuznach-Niedereggern, das andere in Tibet. Viel mehr ist offenbar gestern nicht passiert. Bis auf die Tatsache, dass es regnet. Seit Tagen.

Inzwischen regnet's nicht mehr, dafür hat ein Vulkan mit kaum aussprechbarem Namen eine ziemlich ansehnliche Aschewolke ausgespuckt. Wen interessiert das schon? Island - die meisten wissen doch nicht einmal genau, wo im Atlantik sie dieses Eiland suchen sollen, dass neben seinen Geysieren momentan nicht viel mehr als eine fette Finanzkrise zu bieten haben scheint. Leider liegt es momentan auch in der Hauptwindrichtung unseres mittel- und nordeuropäischen Wetters. Und die Aschewolke hüllt mal eben ganz Kontinentaleuropa von Lappland bis südlich der Alpen ein. Und aus Angst vor verstopften Düsen bleiben überall die Aluminiumflieger am Boden - und mit ihnen Tausende Ein- und Ausreisewillige.

Trifft mich zum Glück diesmal nicht - ich muss nicht mehr fliegen, meine Rückreise trete ich erst nächste Woche und ohnehin mit der Bahn an. Nebenbei werden schon Vermutungen geäußert, das Frühjahr könnte wegen der atmosphärischen Störungen durch den Ausbruch deutlich kühler werden als wünschenswert. Wann erklärt mir eigentlich mal jemand, warum menschengemachtes Kohlendioxid Treibhauseffekte und Schwefeldioxid aus Kraftwerksschornsteinen sauren Regen verursacht, während ein Vulkanausbruch unter Verwendung der gleichen Zutaten klimatisch genau das Gegenteil bewirkt? Natur ist schon phantastisch...

Weltkulturerbegeschützte Dachziegel

Doch ehe ich an Rückreise denke, schnipse ich schnell mit der ÖBB von Krems nach Graz. Hier ist das Wetter schon viel schöner, das Klima mild und das Bier kühl. Und hier bin ich gänzlich ohne mein Zutun zu einer Ehre gekommen, auf die manch Künstler bis lange nach seinem Tod warten muss. Eins habe ich mit Neo Rauch, Ansel Adams, Helmut Newton und Co. gerade gemeinsam: Ein Museum zeigt meine Werke. Ich muss jedesmal kichern, wenn ich darüber nachdenke. Ich, der Techniker, der von den "Wissenschaftlern" im Museum nur geringschätzig und schief angesehen wird, ziehe mal eben ein paar Fotos aus der Tasche - und schon schauen sie auf große Planen aufgezogen auf staunende Besucher herab. Ich verrate nicht, in welchem Museum man mich findet - doch es hat mir eine unsägliche Freude bereitet, meine Schnappschüsse dort hängen zu sehen. Ich staune einfach nur über dieses Leben. Ich bin kein Musiker und stand doch schon auf ein paar Bühnen. Ich bin kein Maler und habe doch meine Zeichnungen an Frauen meines Herzens verschenkt. Ich bin kein Dichter - und doch entleere ich mein Herz am besten über eine Feder auf ein Blatt Papier. Und nun hänge ich auch noch in einer Ausstellung herum. Unglaublich...

Aber Graz fesselt mich auch noch mit seinen weltkulturerbegeschützten Dachziegeln, seiner verrückten, schiefen Architektur. Eine Freundin zieht mich auf einen hohen Berg, wo der kühle Wind ein paar Flecken Schnee am Leben erhält und die Atmosphäre freibläst für den weiten Blick bis in die Nachbarländer und auf die Gipfel der Alpen, die schon zum Greifen nah den Horizont beherrschen wie in Nepal der Himalaya.

Festung Hohensalzburg

Also wieder rein in den Zug und über den Pass in Richtung Salzburg. Der Himmel reißt endgültig auf, ein paar letzte Abfahrten strecken ihre weißen Zungen ins Tal. Doch überall drückt schon das satte Grün durch's Eis, die Skifahrer haben längt das Weite gesucht. Trotzdem - die Hand liegt ständig an der Notbremse, um vielleicht doch noch auszusteigen. Will wieder auf 'nem Gipfel stehen, die ohrenbetäubende Stille genießen, nur das Blut in den Adern pochen hören.

Aber die Vernunft siegt. Vier Tage lang versuche ich einem Haufen Geisteswissenschaftler die trockene Logik von Technik zu vermitteln. Ausgelaugt am Abend, das Spachzentrum komplett entleert, aber noch genügend Energie für einen Spaziergang über den Mönchsberg. Die Festung hängt drohend über der Stadt, die von einem goldenen Sonnenuntergang erleuchtet wird. Die Flugzeuge fliegen wieder - aber die Asche entfaltet vielleicht im Abendrot noch ein wenig Wirkung.

Und dann, plötzlich - fast ohne Vorwarnung - ist meine Österreich-Tournee vorbei. Ich stehe auf dem Bahnhof Salzburg, der Untersberg verschwindet beinahe im Morgendunst. Chiemsee, München, Nürnberg, Saalfeld, Leipzig...und dann bin ich wieder in Berlin. Aber nur, um kurz Anlauf zu nehmen - schon nächste Woche werde ich auf dem Pfänder stehen und auf Bregenz und den Bodensee schauen. Die Reise hört nie auf...

 

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