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Markersbach, 7. August 2010

Gewitter über Markersbach

Ein Felsen, mitten im Wald. Nicht hoch, aber doch erhaben und bedeckt mit weichem Moos. Der ideale Platz, um kurz auszuruhen. Ruhe vor den letzten Wochen, in denen ich nie dazu kam, aufzuschreiben, was mir durch den Kopf ging.

Irgendwo dort unten im Tal rauscht ein Bach, ansonsten ist es still - auch windstill. Wobei ich, was den Geräuschpegel angeht, keine Wetten abschließen würde. Das ganze Jahr war ich kerngesund, und pünktlich zum ersten Urlaubstag fühlt es sich so an, als hätte mir jemand eine Schraubzwinge auf der Nasenwurzel befestigt und drücke seitdem unbarmherzig zu. Dazu gesellt sich dumpfer Kopfschmerz - beides keine angenehmen Gefährten, wenn man sich doch endlich mal erholen will.

Sei's drum, ich bin trotz des heftigen Regens der vergangenen Tage und der dadurch aufgeweichten Wege in den Wald marschiert, weil ich einfach diese Ruhe hier brauche - selbst wenn dabei die Füße nass werden.

Die letzten Wochen waren wieder einmal kräftezehrend. Wie oft habe ich das hier schon geschrieben? Gibt es überhaupt noch erholsame Wochen? Ja - diese wird eine. Habe ich mir vorgenommen. Hotel mit Halbpension, damit ich niemals nachdenken muss, was ich essen will. Schwimmbad im Keller, damit ich auch bei schlechtem Wetter beschäftigt bin. Der Wald direkt aus dem Foyer zugänglich, alle Wege führen irgendwohin, aber nicht nach Rom und schon garnicht nach Berlin. Was soll da schon schiefgehen.

Alles im Fluss

Erster Abend. Erschüttert stelle ich fest, dass mir die Option "Halbpension" immer noch die Wahl zwischen mehreren Gerichten lässt. Argh! Ich wollte nicht nachdenken. Montags Löffeltag, Dienstags Nudeln, Mittwochs Braten, Donnerstag Fischstäbchen, Freitag Bratwurst und am Wochenende nochmal Nudeln und Braten. Denkste! Statt dessen muss ich mich jeden Tag entscheiden zwischen zwei Gerichten, die ich eigentlich beide nicht will. Hätte ich keine Wahl, hätte ich - gute Erziehung sei Dank - gegessen, was auf den Tisch kommt. So werde ich mäkelig. Und wenn's schief läuft, dann richtig - am ersten Morgen vergisst man meinen Kaffee so lange, dass ich fertig bin mit Frühstücken, als der Kellner bleich gesteht, erst jetzt wieder daran gedacht zu haben. Seufz...Kaffee ist ja angeblich ohnehin nicht gesund.

Ganz schlimm wurde es am fünften Abend. Ebenfalls im Paket "Tage der Entspannung" enthalten ist das "candle light dinner". Jeder Versuch, dieses Ereignis abzuwenden, wurde von Seiten der "Chefkellnerin" resolut abgewehrt. "Sie haben dafür bezahlt, also müssen Sie das jetzt auch machen." Na gut. "Aber den im Paket enthaltenen Kegelabend, den darf ich doch schwänzen?" Der strafende Blick der Mutter Oberin lässt mich erblassen und verstummen. Was spielt es schon für eine Rolle, dass ich keine Lust habe, auch nur eine Minute meines Urlaubs mit dem sinnlosen Schubsen von kleinen, harten Kugeln in Richtung von neun hilflosen Kegeln zu verbringen - selbstredend im Keller, fernab von frischer Luft und Tageslicht.

Ein Kreuz mit den Spinnen

Ein Glück, dass ich nicht das Programm "Herbstzauber" mit "Aqua-Aerobic" und "Gemütlichem Grillabend am Steinofen" gebucht habe. So konnte ich mich zumindest nach dem Abendbrot heimlich auf mein Zimmer stehlen und beim sonoren Brummen des nahegelegenen Pumpspeicherwerk in einen unruhigen Schlaf fallen.

Aber die Strapazen des Hotellebens wurden sofort wettgemacht durch die unbeschreibliche Entspannung, die einen durchfließt, wenn man in einem vollkommen menschenleeren Waldstück auf einem moosigen Hochstand sitzt, über die Berge schaut und nach einer Weile einfach nichts mehr denkt. Egal, wenn das jemand als langweilig bezeichnet - ich brauch das, um nicht völlig wahnsinnig zu werden. Kultur, die Welt anschauen, Menschen kennenlernen, den Horizont erweitern - all das bietet mir mein Job als Nebenprodukt wirklich jeden Tag. Wenn ich von Urlaub spreche, dann muss der wirklich grundverschieden von meinem Alltag sein.

Wobei - und das ist nun wirklich verrückt - ich mich schon dabei erwischt habe, während meines Urlaubs in ein Museum zu gehen. So ganz loslassen kann ich dann wohl doch nicht...

 

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