Direkt zum Hauptinhalt | Direkt zur Navigation


Im Süden, 27. August 2010

Wolkenzauber

Manchmal fällt es schwer, die eigenen Regeln nicht zu brechen, stark zu bleiben, der Verlockung zu widerstehen. Besonders, wenn die Flugpreise so niedrig sind, dass es teurer zu sein scheint, zu Hause zu bleiben und die Heizung aufzudrehen als einfach in den warmen Süden zu entfleuchen...

So erging es mir also letzte Woche. Die Wettervorhersage wusste sich wieder nicht zu entscheiden, ob es feucht und kühl sein würde oder regnerisch mit Sturmböen. Was lag also näher als das Heil in der Ferne zu suchen, abzuheben und dem grauen Wolkenband, dass vom fernen Atlantik mit einem Schwall kühler Meeresluft im Gepäck nahte, einfach per Aeroplan auszuweichen.

Und während ich da eingepfercht im Aluminiumrumpf eines Kurzstreckenfliegers amerikanischer Bauart staunte, in welch schmale Lücke zwischen meiner und der vor mir befindlichen Sitzreihe ich meine 1.90 Körpergröße hinein zu falten immer noch in der Lage bin, blieb im Kopf gerade noch genügend Platz, um ein wenig den Gedanken nachzuhängen.

"Was Süßes oder was Salziges?" - unsanft werde ich aus meinen Tagträumen, die mich am weitläufigen Strand eines tiefblauen Meeres sahen, die Lungen prall gefüllt mit salziger Luft. Eine Flugbegleiterin, die man heute ja nicht mehr Stewardess nennen darf, schaut mich mit tadelnd hochgezogener Augenbraue durchdringend an. Unter Druck Entscheidungen zu fällen war nie meine Stärke – einer spontanen Eingebung folgend wähle ich „salzig“, was ich nach dem öffnen der Verpackung sofort bereue. Denn eine der größten Errungenschaften der Gegenwart offenbarte mir erst unlängst ein Baumarktbesuch: Spachtelmasse aus der Tube! Vorbei die Zeit, in der man mit nervös zitternden Händen Gips in einem wabernden Gummibecher anrührte, um ein winziges, aber störendes Bohrloch in der Wand über der Sitzgruppe im Wohnzimmer zu füllen, dabei immer abwechselnd zu viel Gips und zu viel Wasser hinzugebend, bis der Becher voll, die Gipstüte leer und die angerührte Masse steinhart war. Nein, heute drückt man elegant eine Zahnbürstenportion Spachtelmasse direkt aus der Tube ins störende Bohrloch, ein kurzes Wischen mit dem Schwamm – fertig. Es ist so einfach! Ich konnte jedoch - und damit komme ich zurück zu dem mir in der Stratosphäre dargereichten Imbiss - nicht ahnen, dass es schwedischen Wisssenschaftlern inzwischen gelungen war, genau diese Spachtelmasse mit Kräutern angereichert und zwischen zwei naturgemäß staubtrockenen Roggenschotscheiben breit gedrückt, anschließend vakuumverpackt und mit dem Namen eines bekannten Knäckebrotherstellers versehen zu einem Nahrungsmittel zu verarbeiten. Nun, das "Süße" wäre übrigens ein Mars-Riegel gewesen – hier ist einem niederländischen Genussmittelkonzern bereits vor Jahren ein ähnliches Experiment mit Kunstharz und Zucker gelungen. Wie schön waren doch die Zeiten, zu denen man noch zwischen einem pappigen Schinken- oder Käsebrötchen wählen durfte.

 

Weiterführende Informationen