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Frankfurt, 7. September 2010

Licht am Ende des Tunnels

Der ICE rast mit hell singenden Rädern durch die Nacht. Ich schaue aus dem Fenster, doch statt Landschaft erwidert nur eine Spiegelung meinen Blick. Ein altes, faltiges Gesicht. Mein Gesicht.

Heute habe ich beinahe mehr Wachzeit im Zug verbracht als außerhalb. Morgens um halb sechs habe ich mich auf den Weg nach Frankfurt gemacht, vier Stunden später bin dort am Hauptbahnhof aus dem Waggon gewankt. Und acht Stunden später stehe ich am selben Bahnsteig, um für den Rückweg wieder an Bord zu klettern. Und da sitze ich nun und warte, bis Geschwindigkeit und Zeit ihr Werk verrichten und Weg zurückgelegt wird.

Es war wieder einmal die zweiundvierzigste Etage angesagt. Vorstandsetage. Panoramablick über ein verregnetes Frankfurt, nichts vom überlegenen Blick in die Ferne, vom Gefühl der Macht. Auch keine luxuriösen Büros mit großen antiken Globen, aus denen graumelierte Herren Karaffen mit edlen Getränken entnehmen, um sie in schwere Gläser gefüllt beim nachdenklich-wissenden Blick aus dem Fenster vor der Nase zu schwenken.

Nein – ein kahler, schmuckloser, weißer Flur, ein Teppichboden, dem man die Tritte hunderter Füße ansieht. Einfache Plastikschildchen verweisen auf die Abteilung Marketing / Innere Kommunikation, den Leiter Asset Management, das Controlling. Hinter den Türen sitzen ordentlich uniformierte, meist jüngere, ernste Frauen und Männer, die stumm auf Bildschirme schauen, in Telefone wispern oder sich leise raschelnd durch Papierstapel wühlen. Ab und an begegnet man sich auf dem Flur beim Gang zur Toilette oder in die kleine Küche, trägt schalen Kaffee in kleinen Pappbechern herum.

Am Zug

Es ist still hier, es strahlt nicht die Souveränität aus, die man in den obersten Etagen einer Großbank vermutet. Es wirkt, wie eine beliebige Büroflucht in einem der unzähligen Betonmonster, die überall auf der Welt schneller in den Himmel wachsen als irgendein Wirtschaftswunder sie mit Leben füllen könnte. Man sieht den Menschen hier an, dass sie nicht schlecht verdienen, aber ich stelle mir vor, hier zu arbeiten: Jeden Tag das grellweiße Neonlicht, reflektiert von klinikweißen Wänden, auf meinem Schreibtisch ein regelmäßig und sorgsam desinfiziertes Telefon, ein zentral überwachter Computer, der mir Tabellen und Tortendiagramme malt. Wirklich glücklich sehen die Leute hier nicht aus. Nein, das wäre wohl nicht meine Welt. Also rase ich mit dem Lift wieder herunter auf den Boden der Realität, 42 Stockwerke tief, mehr als 120 Meter. Keine zwanzig Sekunden später stehe ich im kalten und nassen Frankfurt, das ohne magische Augen noch viel nasser und kälter ist.

 

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