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München, 2. November 2011

Trocken oder feucht

Es ist doch noch mitten in der Nacht - trotzdem muss ich am Gate 1 in Tegel einen englischsprachige Nachrichten in den kalten Raum plärrenden Fernseher ertragen. Flughäfen könnten so gemütliche Orte sein...

Ringsherum sitzt die übliche Mischung aus Anzugträgern und T-Shirt-Nerds. Gesichter, die man irgendwie zu kennen glaubt, die deswegen aber auch nicht schöner werden. Gestern sah ich eine Gärtnerin Bäume beschneiden, sie trug ein schwarzes Sweatshirt mit der Aufschrift: "Banker wäre ich nie geworden - Gärtnerin aus Leidenschaft". So 'ne Aussage macht einfach gute Laune. Gibt's das Shirt auch für Programmierer?

Heute geht's nach München...und da sitze ich nun auch schon. Beim Frühstück im Motel One. Alles furchtbar stylish, alles furchtbar hip...und furchtbar unbequem. Richtige Stühle und Tische gibt's nicht, denn das ist kein Frühstücksraum, sondern eine Lounge. Menschen hocken in ungesunder Haltung zusammengefaltet auf niedrigen Polsterzylindern vor Tischchen, deren Platte sich gefühlt in Knöchelhöhe befindet. Die Japaner neben mir scheinen zu überlegen, ob man sich besser gleich auf den Boden setzt. Es gibt schlechten Automatenkaffee und kostenloses WLAN mit dem Datendurchsatz eines C64-Akustikkopplers. Aber immerhin - die Toasts wurden von Alfons Schubeck entworfen. Ja, wenn's schee mocht... Ich versuche gar nicht erst, hier wirklich zu frühstücken, beschränke mich für die gezahlten 7,50 Euro auf einen Joghurt und einen Kaffee-Latte und verfluche innerlich die iPad-Generation, die mir das hier antut.

Dom zu Augsburg

Inzwischen hab ich die Stilhölle meines Hotels und auch die bayerische Landeshauptstadt verlassen und rumple im ICE nach Augsburg. Verblüfft blicke ich aus dem Zugfenster auf ehemalige Wiesen, die nun bis zum Horizont mit Solarpaneelen zugestellt sind. Früher agrar-, jetzt solarsubventioniert. Die schlauen bayerischen Bauern wissen schon, wie sie zu Wohlstand kommen. Wie man dürre Almwiesen mit Hilfe einiger Liften in Gelddruckmaschinen verwandelt, haben sie ja schon gezeigt. Seufz...da hab ich zu wenig bayerische und bäuerliche Gene im Blut - mit dem Reichtum wird's nix mehr.

Augsburg selbst ist grau und kalt - soviel zum Wetterbericht, der fönbedingt bis zu 20 Grad und Sonnenschein versprochen hatte. Der Versuch, mich im Dom aufzuwärmen, schlägt fehl - der ist hoch und ebenfalls kalt. Also muss das Cafe in einer einschlägigen Buchladenkette als Ofen herhalten. Die bezaubernde Dame hinter der Theke gibt sich auf dermaßen charmant-unbeholfene Weise Mühe mit meinem Milchkaffee, dass ich mir überlege, noch einen zu bestellen - nur um dieses Schauspiel noch einmal erleben zu dürfen. "Milchschaum, mit Liebe gemacht!", sollten sie über die Eingangstür schreiben.

Aber Brieftasche und Herz vertragen keine weiteren koffeinhaltigen Heißgetränke, und die Uhr treibt auch schon wieder weiter. Vielleicht muss ich mich allerdings auch gar nicht beeilen, weil auf dem Flughafen noch die gestern neben die Landebahn gefallene Boeing im Weg herumliegt. Aber man hat mir mal gesagt, ich solle nicht immer so negativ denken und daran glauben, das schon alles irgendwie gut werden würde.

Und siehe - die positive Grundeinstellung scheint sich gelohnt zu haben: Die gestrandete 777 ist nicht mehr im Weg, durch die Sicherheitskontrolle bin ich dank versilbertem Premiumticket wie ein heißes Messer durch ein Stück Butter geflutscht, und nun sitze ich schon wieder zwischen müden Anzugträgern und surfenden Nerds, wobei hier in München die Nerds eindeutig in Unterzahl sind...

Übrigens: Beim Gang durch München habe ich mir heute morgen vergeblich Occupy-Proteste auf dem Marienplatz oder dem Stachus vorgestellt. Wie gesagt, angesichts der Porsche- und Jaguar-Dichte vergeblich.

 

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